Wintergedanken

Manchmal, wenn ich nicht weiß, worüber ich nachdenken soll, denke ich über das Wetter nach. Oder vielmehr über Jahreszeiten, da denke ich drüber nach.

Winter ist doof. Ich mag weder Schnee noch die dunklen Tage. Ich kann dem Kerzenschein viel mehr abgewinnen, wenn das Lichtlein meinen lauen Sommerabend auf der Terrasse erhellt statt meinen Winterfrust auf dem Wohnzimmertisch noch zu erleuchten.

Ich mag auch die Anklaterei im Winter nicht. Bis ich alles angerödelt habe, von zwei Paar Socken über Jacke, Weste, Handschuhe über den Handschuhen, weil ich neuerdings immer saukalte Hände habe, Mütze, dicke Winterstiefel, Schal und natürlich die Gürteltasche fürs Handy und die Hundeleckerlies, bin ich schon einmal durchgeschwitzt und die erste Euphorie über den bevorstehenden Spaziergang ist verflogen.

Wenn ich so darüber nachdenke, würde mir ein Umzug in wärmere Gefilde gut gefallen. Heute wäre ich nicht mehr so „standorttreu“, ich hätte kein Problem damit, meine Koffer zu packen und gen Süden zu ziehen.

Oder einfach den Wohnwagen anzuhängen und für ein paar Monate hier die Rolläden runterzulassen.

Das mediterrane Norditalienwetter schwebt mir vor. Oder der Südwesten Deutschlands ist auch grundsätzlich am Wärmsten in Deutschland. Allerdings liegt da im Winter auch ordentlich Schnee. In Norditalien auch…..

also noch weiter in den Süden. Spanien zum Überwintern ist groß im Trend, viele pensionierte Camper satteln ihr Fahrzeug und flüchten von November bis April in den Süden. Herrliche Idee!

Allerdings fürchte ich mich vor einer Horde campender Rentner im Süden fast genauso wie vor einem Vampir in den Karpaten.

Ich habe gelesen, dass die Überwinterungscamper nun auch Marokko entdecken, da die Spanier den Trend erkannt haben und es inzwischen recht teuer ist, an der Costa Dingsda zu überwintern.

Ich merke schon, alles nicht so einfach… ich muss wohl noch weiter darüber nachdenken. Man gut, dass es so viel schlechtes Wetter hier gibt, da bleibt viel Zeit zum Denken….

Mut und andere sinnvolle Dinge

Seit einiger Zeit bin ich Teil einer Bloggergruppe, die über ihr Leben mit MS schreiben.

Ich hätte nie gedacht, dass es überhaupt andere Menschen interessiert, wie ich mit der „ollen Tante MS“ zurechtkomme. Unser täglicher Schlagabtausch ist tatsächlich von Interesse!

Die Seite hat ein neues Outfit bekommen und das Thema des Monats ist dann auch ganz passend: Neustart!
Einblick.ms-persönlich.de

Ich habe in diesem Projekt  wirklich tolle Menschen kennengelernt, die einen bewunderswerten Mut besitzen, den Mut des Löwen, seine Beherztheit und seine Unbeirrbarkeit.

In diesem Projekt arbeiten Menschen, die sich nichts nehmen lassen, oder nur wenig. Die viel mehr ihren Traum leben als  viele gesunde Menschen.

Das macht auch mir aufs Neue immer wieder Mut.

Mut wofür?

Für alles, auf alles, auf neue Dinge. Dinge, die zunächst unmöglich erscheinen. Dinge, die ein wenig schräg und verrückt sind. Dinge, die das Leben zu etwas ganz Besonderem machen.

An Tagen, an denen die olle Tante ihr Bestes gibt und mich in die Knie zwingt, hole ich meine imaginäre Wuschliste heraus und ich „lese“ sie wie ein Mantra.

Dinge, die ich machen möchte, erleben möchte, sehen möchte.

Klappt immer, danke Leute! Allein schon dafür ist es so schön, ein Teil dieser Gruppe zu sein.

Hamburg, deine Schanze

Ich war in Hamburg!

Wir hatten Mädelswochenende! Mutter und beide Töchter.

Da ich ja nur eingeschränkt touristisch tauglich bin, braucht es einen Plan. Einen Eventplan fürs Wochenende sozusagen.

Freitag abend haben wir uns in den Zug gesetzt, um den ganzen Samstag „hamburgen“ zu können!

Zug fahren ist schön, habe ich festgestellt! Dasitzen, essen und trinken, Leute angucken, Kein Stau, kein Chaos, nur Entspannung!

Samstag dann das große Thema, wo gehen wir hin?

In die Innenstadt, Mönckebergstraße? Och nee, da können wir eigentlich zu Hause bleiben, Saturn, Karstadt und Co. haben wir hier auch. Aber das Schanzenviertel, das wäre was!

Es gibt kein urigeres Viertel in der gesamten Republik. Überall kleine Geschäfte, Bars, Cafés, die ihren eigenen Gesetzen folgen.

Öffnungszeiten sind nicht verbindlich, nur eine ungefähre Richtlinie, Konventionen sind was für Spießer, hier wird konsequent geduzt und es geht alles ein wenig langsamer als andernorten.

Der ideale Platz für mich! Ich liebe das Schanzenviertel! Soweit ich also die Füße bewegt bekam, sind wir am Samstag vormittag durch die Schanze getrödelt.

Jetzt begann sich die Zugfahrt zu rächen! Wir können nur sehr begrenzt von den vielen schönen Dingen einpacken, die die Schanze zu bieten hat!

So viele kleine Lädchen, Geschäfte, Schatztruhen, urige Leute, Straßenmusiker, Unikate!

  

Das Schanzenviertel kann ich nur Jedem empfehlen, der abseits vom Mainstream etwas sehen möchte.

Das Viertel ist einfach ein Fest für die Sinne! Bunt, urig, herrlich schräg!

Vielleicht bis ungefähr

Manchmal bin ich päpstlicher als der Papst, dann will ich es ganz genau wissen, dann reicht mir ein „Vielleicht“ oder ein „Ungefähr“ oder auch ein „in etwa“ nicht aus.

Dann will ich auf den Punkt genau eine Antwort, die Wahrheit, das Ergebnis, die Summe.

Die vielen „Ungefährs“ stiften nur Verwirrung. Wenn ich erfahre, dass ich ungefähr noch die nächsten 10 Jahre in recht guter Verfassung leben kann, dann stimmt mich das nicht so hoffnungsvoll, wie man erwarten könnte.

Es ist doch schön, so eine gute Prognose zu haben. Oder etwa nicht?

Das Wörtchen „ungefähr“ nagt an mir, hallt in meinem Kopf dauernd nach und schreit nach Aufmerksamkeit.

Was heißt das denn?

„Ungefähr“……unter Wiktionary finde ich als eine mögliche Behauptung: „unvorhersagbar“

„Unvorhersagbar“ bedeutet ja, mein Gegenüber hätte sich die ganze Prognose sparen können. Genauso gut kann ich übermorgen aus den Latschen kippen, das wäre dann immernoch innerhalb der Prognose von „ungefähr in 10 Jahren, weil es ist ja unvorhersehbar“.

Mmmhhh…..schwierig…..

Was frage ich dann eigentlich nach?  Ein Arzt wird sich bei der Frage nach dem weiteren Verlauf meiner MS mit vielen „öööhs“ und „ääähhs“ und „ungefährs“ aus der Affäre ziehen. Was bleibt ihm auch Anderes übrig? Hat er ja selber keine  Ahnung, wie lange so ein durchschnittlicher MS-ler durchhält. Oder wann eine  Entzündung im Hirn oder der Untergang eines Nervs ein wichtiges Zentrum im Kopf trifft.

Manchmal sind krank Gewordene eine echte Pest für den Arzt. Sie fragen Dinge, die kein Mensch beantworten kann.

Dafür gibt es dann die „ungefährs“, die „vielleichts“ und das „in etwa“.

Mag sich der Patient beschweren, beschwere er sich lieber über die eigene dämliche Frage.

Wenn ich meinen Arzt frage, wie lange ich noch so munter leben kann, dann ist das so, als würde ich fragen, ob Gott nochmal auftaucht.

Schlauer Mensch, der sich das ausgedacht hat mit den „ungefährs“, den „vielleichts“ und dem „in etwa“…..

 

 

Happy new year

wünsche ich allen Besuchern!

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Wollen wir mal abwarten, was es so bringt, das neue Jahr. Ich bin nicht sehr skeptisch und auch nicht sehr schwarzmalerisch. Im Gegenteil, ich bin eher die Optimistin.

Wird die MS sich ausbreiten? Wird etwas Schlimmes dazukommen? Werden noch mehr Ausfälle zu kompensieren sein?

Solche Fragen stelle ich mir nicht. Es ist, was ist.

Jeder Tag ist ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten.

Rede ich auch noch so blasiert daher, wenn die MS mich tatsächlich dauerhaft in den Rollstuhl zwingt? Oder Schlimmeres?

Keine Ahnung, das sehen wir dann.

Bis dahin:

Happy new Year and have a nice day. Everyday!

have-a-nice-day

Weihnachtsdeko – oder doch nicht?

Ich bin im Weihnachtsmodus.

Zumindest gedanklich.

Ich liebe es, unser Heim weihnachtlich zu dekorieren. Ich mag Lichterketten und schöne Deko ringsherum.

Ein Weihnachtsbaum muss gar nicht sein,  ich kann schöne Kugeln auch an einem kahlen Fichtengewächs, das silber angesprayt ist, schön finden.

So getan im letzten Jahr, ich habe eine kahle Fichte, ein Bäumchen ohne Nadeln, das im Wald lag und der Verrottung anheim gestellt war, in mein Häuschen mitgenommen, silber angesprüht, mit ein paar Kieferzweigen vergesellschaftet, und schon hatte ich Weihnachten. Meine Familie fand es gut. Ich auch.

Solch Anwandlung überfällt mich auch dieses Jahr. ein Tännchen ohne Nadeln ist schon auserkoren und im Wald beiseite gestellt. Die Gefahr, dass es mir Jemand wegschnappt, liegt bei Null. Das Silberspray steht bereit und eigentlich kanns losgehen.

Ich habe Ladehemmung. Gedanklich packe ich Kugeln, Silberspray und Strohsterne zurecht, aber die wirkliche Handlung fehlt.

In der Küche hängt gleich neben der Lampe ein Birkenast, der seiner Bestimmung harrt, rote Kugeln und Strohsterne habe ich mir vorgestellt. Sah letztes Jahr schon toll aus.

Nun hängt er da, der nackte Birkenzweig.

Das nadellose Bäumchen steht im Wald.

Die Kugeln und Sterne lagern auf dem Boden. Die Lichterketten auch.

Es dauert noch. Der Weihnachtsmodus hängt…….

Deshalb fehlen auch die Fotos. Keine Deko – keine Fotos….

Aber ich bin gaaaanz sicher, der Weihnachtsmodus schlägt noch zu im snuselschen Heim.

Hoffentlich vor dem 24.12.——

Nachtrag:

es gab dann doch ein wenig Weihnachtsdeko, das Meiste ist in seinen Kisten auf dem Speicher geblieben. Keine Ahnung, was da los war.

Mein Weihnachtsmodus ist dekotechnisch weitgehend ausgeblieben, obwohl Weihnachten selber dann doch sehr sehr schön war. herz

Mach auf das Portemonnaie!

Ich bin Patientin. Soweit kann ich mir selber folgen.

Ich bin immerzu irgendwo Patientin. arzt

Es tun sich wundersame Dinge im Patientenland.

Einmal im Jahr ist Brustkrebs-Vorsorge. Mein Gewebe ist wohl so dicht, dass da nicht viel zu ertasten ist. Mir wird eine Ultraschall-Untersuchung angeraten, damit auch nichts übersehen wird.

 

Wer wird da nein sagen? Wer hat keine Angst vor Brustkrebs, bitte schön?

80 Euro kostet der Blick ins Brustgewebe. Meine 80 Euro, weil die Kasse das nicht zahlt.

Wenn ich mein Rezept für Krankengymnastik einlöse, habe ich mein Portemonnaie schon in der Hand: 10 Euro Rezeptgebühr und dann wird noch jede Anwendung mit einem Festbetrag von mir subventioniert.

Ganz prima.

Beim Zahnarzt bekomme ich die Hiobsbotschaft, dass die Wurzeln eines Zahnes den Aufstand proben, der nur mit einem ultramodernen Maschinchen behoben werden kann. Die „normalen“ Kassenmethoden reichen nicht.

100 Euro aus meiner Schatulle bitte sehr.

Genutzt hat es nichts, der Zahn muss raus und ich stehe vor einer echten Investition in eine Brücke über die unschöne Zahnlücke. Von dem Geld kann ich getrost ein halbes Jahr in Italien Urlaub machen.

Das alles ist in den letzten paar Tagen passiert. Mein Portemonnaie ist leer.

portemonnaie

Zur Bank kann ich theoretisch auch nicht gehen, da dort auch die chronische Schwindsucht grassiert:

Meine karge Erwerbsunfähigkeitsrente wird vom Staat besteuert plus Progression, da mein Mann ja noch arbeiten geht. Mehr als tausend Euro jedes Jahr  aus unserer Geldbörse an Vater Staat, der damit sowieso nur Unsinn macht.

Dazu kommt, dass es fast unmöglich geworden ist, telefonisch einen Facharzttermin zu vereinbaren. Es ist bei allen Fachärzten ist  chronisch „besetzt“

Tut-tut-tut-tut-tut….

ich träume schon davon.

Einige meiner Beschwerden habe ich auf diese Art und Weise, quasi beim täglichen Telefonieren schon ausgesessen.

Vielleicht ist das die Methode? Den Patienten solange in der Warteschleife verharren lassen, bis die Beschwerden entweder von allein abklingen, oder der Patientendussel am Telefon tot umgefallen ist.

Habe ich dann tatsächlich einen Termin ergattert, rauscht ein Arzt herbei, klopft auf mir herum, rennt geschäftig hin und her, nach fünf Minuten stehe ich wieder vor der Tür statt dahinter und ich kann nicht mal sagen, ob der Kerl einen Bart hatte oder nicht.

Nicht, dass das für die Behandlung eine Rolle spielt, es ist nur so, dass alles so schnell geht, dass ich nicht mal sicher bin, ob der Arzt überhaupt verstanden hat, was mir fehlt.

Wenn eine neue Brille dieses Jahr noch fällig wird, fallen die Weihnachtsgeschenke definitiv aus! Eine neue Brille kostet mehr, als ein Blindenhund jährlich an Futter verfrisst.

Dabei zahle ich genauso Krankenkassenabgaben wie Jeder Andere auch.

krankenversicherung

Geht es allen Patienten so? Geht es nur mir so? Bin ich empfindlich? Meine Erfahrungen im Krankenhaus konntet ihr ja schon nachlesen, im täglichen Praxistest isses auch nicht besser.

Kann ich mich bewerben als Praxistesterin? DAS wäre was! Weiß Jemand, wo ich mich bewerben kann?

Schau mir in die Augen, Kleines

Gestern war unser Halbjahres-Workshop in Darmstadt. Ich bin Teil des Blogger Teams bei Einblick.

Einblick.MS-persönlich

Es ist immer wieder toll, wie sich die Gruppe gegenseitig inspiriert und wie die Ideen nur so sprudeln!

Inzwischen gibt es auch einen tollen Trailer, den ihr euch hier ansehen könnt:

Trailer zu Einblick.MS-persönlich

Eines unserer Themen war Angst.

Ich denke nicht oft darüber nach, aber nun ist er da. Der Gedanke an alles Mögliche, das Angst macht.

Mir war ganz und gar entfallen, dass ich eigentlich immerzu Angst vor irgend etwas habe. Es ist nicht so, dass ich von morgens bis abends herumlaufe mit dem Tier „Angst“ im Nacken.

Aber so tief in der Magengrube, da wo es dunkel und immerzu ein wenig unheimlich ist, da liegt sie auf der Lauer, die Angst.

Meine größte und auch diffuseste Angst, ist, zu erblinden aufgrund der MS. Der Sehnerv liegt recht ungeschützt herum und ist anfällig für Entzündungen. Der Gau ist dann die vollständige Erblindung.

blind

Manchmal nachts, wenn es wirklich ganz dunkel ist, wenn die Straßenlaternen aus sind, der Mond nicht scheint, und ich auf der dem Fenster abgewandten Seite liege und des Nachts aufwache, ist es für einen Moment absolut dunkel. Mein erster Gedanke ist immer:

  • „Bitte lass es so dunkel sein und lass diese Dunkelheit nicht von meinem Innern kommen!“

Bisher hat das immer geklappt, ich wünsche mir nichts mehr, als dass es so bleibt. Ich kann mittlerweile so ziemlich alles akzeptieren, was die olle Tante mit mir anstellt. Aber Blindheit?

Da hört meine Vorstellungskraft einfach auf.

blindenpunkte

Aber mal ganz im Ernst, bis vor einigen Jahren hätte doch ein Rollstuhl auch nicht in dein Weltbild gepasst.

Ja, das stimmt, aber Blindheit ist nochmal eine ganz andere Nummer. Nichts von dem, was ich momentan so gerne tue, würde dann funktionieren. Ich könnte nicht malen, stricken, spinnen, Kurse geben, im Lädchen sein….

Ich muss überlegen: stricken und spinnen geht doch ohne Augenlicht! Das braucht nur Übung!

Ich will mir das nicht überlegen und auch nicht vorstellen!

Bitte liebe olle Tante, mach was du willst, steck mich in den Rollstuhl, von mir aus schlag mich mich Inkontinenz und Vergesslichkeit, aber lass meine Augen in Ruhe!

augen

Davor habe ich Angst! Olle Tante, hörst du?

Mmmpf, ich kann die olle Tante bitten und betteln, ich kann meinen Neurologen nerven oder ständig überprüfen, ob ich schwarze Blöcke, Streifen oder gar nichts mehr vor Augen habe. Niemand kann das versprechen, vorhersagen oder gar ausschließen.

Rein theoretisch kann ich morgen aufstehen und blind sein.

Praktisch auch.

MS ist Scheiße.

Sanitärhäuschen sucht Platzangst

Ich wollte nie Camping machen. Der Gedanke an dunkle Sanitärhäuschen, Gemeinschaftsduschen, verklebte dunkle Toiletten gruselt mich richtig.

Ich bekomme dort Platzangst, genauso wie in kleinen Fahrstühlen.

Mein Mann, Freunde, alle, die es gut mit mir meinen, haben mich überzeugt, dass es das heute nicht mehr gibt. Der Anspruch an die Campingplätze ist da allgemein doch gewachsen.

Das Internet liefert Tausende Ergebnisse zum Thema „Sanitärgebäude auf Campingplätzen“.

toilettenschild

Alles sehr zufriedenstellend!

So sind wir zu Campern geworden. Die Story mit dem Wohnwagenkauf kennt ihr ja bereits. Nun sind wir das erste Mal auf große Fahrt gegangen und es wird Zeit für ein erstes Campingplatz-Sanitärhäuschen-Resümee.

Also ganz vorneweg: es gibt Sone und Solche!

Wer hätte das gedacht?

Aber der absolute Hit war ein kleiner Campingplatz mitten im Nirgendwo zwischen Bayern und den ersten österreichischen Gefilden.

Das Sanitärhäuschen war schon recht in die Jahre gekommen, aber sauber. So weit, so gut.

Es war dunkel darin, auch bei Tage (Wald drumherum). Als Lichtquelle dienten eine Reihe Baumarkt-Baulampen, die, mit dem Gitter um das Glas. Darin funzelte jeweils eine maximal 40 Watt Birne herum, die es gerade so schaffte, das Lampengehäuse auszuleuchten.

Mir war mulmig.

Mir war gar nicht campingmäßig.

Und dann kam noch das Wissen dazu, dass das Licht an die Duschmünze gekoppelt war, die mir die Campingplatz-Betreiberin in die Hand gedrückt hatte.

Zehn Minuten warmes Wasser und zehn Minuten Licht!

Das hieß: ausziehen, am Besten die Duschmünze erst einwerfen, wenn man schon nackig ist, duschen, Beine rasieren, Haare waschen, abtrocknen, eincremen, anziehen, rauslaufen. Alles in zehn Minuten.

Stress!

Die Vorstellung, in dem Gebäude mit seinen Reihen geschlossener Türen, geschlossener Türen und Fenster im Dunkeln allein zu sein, passt nicht in meinen Kopf. Zu groß bläht sich das Grauen da  auf, wo normalerweise alle Körperfunktionen ihre Arbeit tun.

Mein Magen rumort, mein Herz schlägt wie verrückt, ich habe trotz der Hitze und des warmen Wassers Gänsehaut und meine Beine schlackern mehr, als sie das ohnehin schon tun.

Platzangst!

platzangst

Panische Anfälle, mein blumiges Vorstellungsvermögen zaubert Unmengen bizarrer Bilder, die ich gar nicht sehen möchte. Augen zu nutzt nichts, das Kino findet ja in meinem Kopf statt.

Hier kann ich nicht bleiben. Wer kommt auf so eine Idee? Das Licht an das warme Wasser zu koppeln?

Meinen Mann brauche ich erst gar nicht überzeugen, der hat keine Platzangst, findet das aber auch mehr als beschissen.

Wir hängen unser Häuschen wieder an und wenden uns Österreich zu. Kommen die Ösis auch auf so verrückte Ideen?

Der Lauscher an der Wand….

…hört oft die eigene Schand!

Ich lausche nicht, mich interessiert es einfach nicht besonders, was andere Leute zu bequatschen haben. Ist eh meist langweiliges Zeug.

Wenn allerdings das Wort „Behinderte“ in Gesprächen vorkommt, bekomme ich Rhababerblatt-Ohren. Da stelle ich meine Lauscher auf.

Neulich im Supermarkt tätigt eine Frau im Elektro-Rolli ihren Einkauf. Sie steht ein bißchen im Weg, so dass man sich zwischen Regal und Rolli vorbeizwängen muss, wenn man denn unbedingt vorbei will und nicht warten kann.

Zwei etwa fünfzehnjährige Mädchen können nicht warten. Ohne Einkaufswagen, aber mit mehreren Kleinigkeiten in der Hand drängeln die Zwei sich an der Dame im Rollstuhl vorbei.

  • “ Oh Mann, was steht der Spast da im Weg?“ nölt die Eine. Sie nölt zwar leise, aber doch unüberhörbar.

Das andere Mädel schweigt lieber, weil sie sieht, dass einige Umstehende gehört haben, was ihre Begleiterin gesagt hat.

Böse Blicke, Kopfgeschüttel allenthalben.

Man ist sich einig, das gehört sich nicht. Wie kann man sowas sagen?

Ich stehe zu weit weg, sonst hätte ich dem Mädel, das sich über den Rollstuhl und den darin befindlichen „Spast“ beschwert hat, verbal das Fell über die Ohren gezogen.

Die Mädchen sind flugs vorbei und in den Regalreihen verschwunden. Aber die umstehenden Leute fangen an, sich darüber zu unterhalte, was das Mädel gesagt hat.

Sie empören sich leise, sie flüstern miteinander, damit……..genau wer denn??    sie nicht hört?

Warum flüstern sie? Die Dame im Rollstuhl musste sich schon den Spruch des Mädels an den Kopf knallen lassen und nun noch die flüsternde Menge obendrauf.

Sie hat gehört, was das Mädchen gesagt hat und sie hört, dass die Leute nun flüstern und sie anschauen.

Es gibt Stimmen, die sich empören über die Frechheit des Mädchens, es gibt Stimmen, die meinen, mit einem Rollstuhl müsse man aber auch nicht so doof im Weg stehen. Behinderte würden immer Sonderrechte einfordern. Das ginge so ja auch nicht.

Wieder eine Andere meint, man könne ja wohl einen Moment warten, es wäre ja auch nichts anderes, wenn ein „normaler“ Kunde mit seinem Einkaufswagen dort stehen würde.

So geht das eine Weile hin und her.

Mit ihr direkt spricht Niemand. Sie setzt ungerührt ihren Einkauf fort. Was geht in ihr vor?

Ich stehe am Rande, beobachte und lausche. Mir wird heiß und kalt. Hat man das wirklich immer wieder auszuhalten, wenn man im Rollstuhl sitzt? Mir ist das noch nicht passiert, aber ich bin noch nie allein mit Rollstuhl unterwegs gewesen.

Es ist im Prinzip egal, ob wohlwollend oder eben nicht wohlwollend über sie gesprochen wird. Es wird über sie gesprochen, aber nicht mit ihr!

Ich denke nicht, dass es ein spezielles Behindertenproblem ist, aber da wird einem die eigene Schieflage vor Augen geführt.

Offensichtlicher behindert als in einem Rollstuhl kann Mensch kaum sein. Dann noch dieses zwar durchaus menschliche, aber klägliche Verhalten der lieben Mitmenschen.

Sie hätten das freche Mädel zur Rede stellen können oder sie können einfach schweigen.

Sie hätten aber auch mit der Frau im Rollstuhl reden können, statt über sie.

Es ist doch so einfach!

Heute mag ich meine Jolanthe gar nicht leiden…..