Absurdistan

Absurdistan
ist überall…..
Einkaufen 2.0

Ich fahre mit dem Auto zum Supermarkt. Es ist später Nachmittag und das Brot ist alle. Ich kurve auf dem Parkplatz herum und finde keine Lücke, um mein Fliewatüt abzustellen. Mutig stelle ich das Gefährt fast vor der Eingangstüre quasi in 2. Reihe ab, achte aber darauf, Niemanden zu behindern.

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Noch im Aussteigen eilt ein männlicher Vertreter der menschlichen Rasse im typischen Vertreter-Outfit an mir vorbei und rammt mich fast.
-“Mann, Sie stehen hier wirklich blöd im Weg,” raunzt er mich an.
Ich entschuldige mich, werde knallrot (blöd, aber man merkt das ja selber) und zücke die Behindertenkarte, was ich echt selten tue:
-“Entschuldigung, ich habe eine Gehbehinderung. Und alle Parkplätze sind belegt.”

Der Vertreter-Outfit-Anzugträger sieht mich von oben bis unten an und blafft mich an:
-” Sie haben den ganzen Tag Zeit, um einzukaufen, warum müssen Sie hier Platz und Zeit verschwenden, wenn anständig arbeitende Leute nach Feierabend auch noch einkaufen müssen?”
Sprichts, stapft von dannen und lässt mich verblüfft zurück. Mir rieselt ein Einfall ins Hirn:

Ich werde der Vereinigung der Einzelhändler einen grandiosen Vorschlag machen:
ein Schild an der Eingangstür, genau neben den Öffnungszeiten:
Rentner, Frauen mit kleinen Kindern, Arbeitslose und Behinderte
haben nur von 9:05-15:00 Uhr Zutritt.

Von 6:30-9:00 Uhr und ab 15:05 Uhr geschlossene Gesellschaft mit rotem Teppich und Sektempfang für die “anständig arbeitende Bevölkerung”.
Ja, das mache ich!

 

 

Gesichtskontrolle

Ich hatte heute ausgiebigen Schneewittchen-Tag.

Was das ist? Ich habe mich stundenlang im Spiegel betrachtet, habe allerdings nicht den Spiegel darum gebeten, mir zu sagen, dass ich die Schönste im Lande bin (ich bin ja nicht doof).

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Mich plagen andere Fragen:
Wie sieht MS aus? Welches Gesicht macht MS?

Ich habe keine Ahnung, ich werde ganz oft angesprochen mit den Worten:
-“ganz im Vertrauen, man sieht dir das gar nicht an… das da….. mit der MS. Nö, sieht man gar nicht, du siehst richtig gut aus.”
-“Ja, danke sehr, bin geschmeichelt” , wer hört nicht gern, dass er gut aussieht?
Aber wie muss Jemand aussehen, der MS hat oder was Anderes? Wie sieht das typische MS-Gesicht denn aus?
– Gramgebeugt, schmerzverzerrt, ins Leere starrend?
– Dämlich, ohne Verstand? Sabbernd, mit den Augen rollend? Bedrohlich guckend?
– Mitleidig, tränensackig, rotgeweint?

Also wirklich, wer ein typisches MS Gesicht hat, möge sich bei mir melden oder mir ein Foto schicken. Ich habe keine Idee, wie das aussieht.

 

 

Irrtum
Manchmal ist Absurdistan kurz und schmerzlos. Kleiner Dialog unter Nachbarn:
– “Mensch, du hast ja ein tolles Fahrrad! Das ist ja so schön farbig.”

-“Häh? Fahrrad? Bunt? Mein Rad ist antrazit und nicht bunt….” ?????

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-“Ja, aber in deinem Auto, das zusammengeklappte Fahrrad auf dem Rücksitz ist doch so klasse orange und schwarz. Das sieht ja so schnittig aus!”
-“Das ist kein Fahrrad, das ist Jolanthe, mein Rollstuhl.” In diesem Moment kramte ich schon nach einem Taschentuch….

-“Oh, —-hrmmm, —–och, so schön und trocken war es ja lange nicht im März, nich wahr?”

Mein Gesprächspartner war schneller um die nächste Ecke als unsere Katze, wenn ich mit dem Staubsauger wedele.
Mein Taschentuch kam nun zum Einsatz. Es ist nicht so schwer zu erraten, was es zu wischen gab….

Nein, ich habe nicht geweint, ich habe mir ein Glas Wein eingeschüttet, auf Absurdistan angestoßen und Tränen gelacht.

Neurologenbesuch

Kurz nach der Diagnose MS saß ich beim Neurologen im Wartezimmer, frisch versorgt mit allen möglichen Informationen, die das Internet und manchmal auch ein Arzt so hergaben zum Thema “olle Tante MS”.

Kurz darauf nahmen zwei ältere Damen neben mir Platz, die sich angeregt unterhielten.

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Ihr Gespräch drehte sich um den Ozzy-Osbourne-Sproß, bei dem ebenfalls MS diagnostiziert wurde. Die Medien hatten das zu der Zeit gerade mächtig aufgerüscht, zumal Mutter Sharon Osbourne ja auch sehr passend in einer Talkshow zum Thema MS und ihrem Sohn in Tränen ausgebrochen ist.

Die beiden älteren Damen hatten sehr viel Mitleid mit dem Osbourne-Sohn, der ja nun so unheilbar und unrettbar erkrankt ist.

-” Und die Mutter erst, die kann Einem ja sooo leid tun! Ich würde ja keinen Tag mehr ohne Kummer und Sorgen verbringen, “meinte die Eine.
Ich bekam einen Kloß im Hals.

-“Ja, und dann sitzt der bald im Rollstuhl und dann müssen die den füttern. Alleine geht dann nix mehr!” wusste die Andere.

Meine Augen füllten sich mit Tränen.
-“Und aufs Klo kannste dann auch nicht mehr selber. Das ist schon ganz doof.” Es war unglaublich, was die beiden Damen so an Wissen besaßen! Ich bekam Komplexe ob meiner Unwissenheit und ich wollte seelischen Beistand ob der schlimmen Zeiten, die mich erwarteten! Jetzt!

-” Im Kopf sind die ja auch irgendwann nicht mehr ganz richtig, “meinte die Eine und untermalte ihre Weisheit mit einem bedächtigen Kopfnicken.

-“Jaaaa, wirklich schlimm sowas, ” war die Andere voll des Mitgefühls.
Paff, das hatte besser gesessen als ein geschossener Elfmeter von Thomas Müller in die linke obere Torecke!

Ich tat mir in dem Moment selber sowas von leid und ich hatte vor Mitgefühl mit mir selber ganz vergessen, was ich eigentlich von meinem Arzt wollte.

Hässliche, absurde Gedanken rasten mir durchs Hirn:
was würde passieren , wenn ich der Einen vors Schienbein trat und der anderen ihre dämliche Mütze, die sie trug, über die Löffel zog?

Da fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der dem Gespräch offenbar auch gefolgt war. Er saß da auf seinem Stuhl und hatte Mühe, nicht vom Selben zu fallen. Zum Einen hatte er wirklich heftige Koordinationsschwierigkeiten, woraus ich schloss, dass er wohl auch MS hatte und zum Anderen weil er sich halb totlachte über den Blödsinn, den die beiden Damen da zum Besten gaben.

Das war der Moment, in dem ich beschloss, das alles mit Humor zu nehmen. Ich möchte dem jungen Mann von Herzen danken, der mir nicht nur den Tag, sondern auch meine gesamte Einstellung innerhalb eines Augenblicks gerettet und verändert hat, bevor ich mich im Land Absurdistan hoffnungslos verlaufen konnte!

Jolanthe

Unser erster Ausflug mit Jolanthe, meinem Rollstuhl, führte uns in die Innenstadt unseres offenen und intellektuell überproportionierten Universitätsstädtchens.
Noch ungeübt im Umgang mit den etwas sperrigen Maßen der Jolanthe, ließ mein Mann mich kurzerhand in der Fußgängerzone in der Nähe einer Sitzbank stehen, um in ein Zeitungsgeschäft zu gehen.

Da stand ich nun das erste Mal alleine mit Jolanthe. Mir war recht unbehaglich, zumal mich ein etwa zehnjähriger übergewichtiger Junge beäugte, der neben der Sitzbank stand. Er sah mich an, wie man etwa einen zappelnden Käfer ansieht, der eben aufgespießt wurde. Der Junge hielt einen Eiskugelturm in der Hand, an dem er fleißig und unüberhörbar herumschleckte.

Nach endlosen Minuten des Anstarrens entdeckte der rundliche Eiskugelturm seine Mutter, die aus etwa 20m Entfernung aus einem Geschäft kam.

Da Eiskugel eine Entdeckung gemacht hatte, teilte er dies ohne Rücksicht auf die noch immer existierende Entfernung von nun 19m mit, dass hier eine Frau saß, die offenbar nicht laufen konnte.

– “Mama, die Frau sitzt im Rollstuhl!” Das brachte er fertig, ohne das Eisschlecken zu unterbrechen.

Mama Eiskugelturm ihrerseits wollte den Jungen nicht warten lassen und antwortete aus 18m Entfernung:
-“Die Frau hat bestimmt kaputte Beine!”

Da die kurze Konversation über eine gewisse Entfernung stattgefunden hat, saßen Jolanthe und ich nun da wie zwei Kakerlaken auf der Hochzeitstorte.

Die gesamte Belegschaft der Sitzbank sowie fast alle vorbeiflanierenden Fußgänger (ist ja auch eine Fußgängerzone) betrachteten uns und unsere “kaputten” Beine.

Inzwischen hatte Mama Eiskugel den pfiffigen rundlichen Eiskugelturm erreicht und Beide machten sich von dannen.

Ich bin selten sprachlos, aber das verschlug sie mir tatsächlich. Ich wünschte mir sehnlichst entweder eine Fliegenklatsche, mit der ich dem Eiskugelturm das Eis aus der Hand fegen konnte oder einen beherzten Fußgängerzonen-Flanierer, der Mama Eiskugel mal in den Allerwertesten tritt.

Eingang mit Tücken:

Jolanthe sollte das erste Mal mit zum Einkaufen in den SB-Tempel.

Der Eingang ins gelobte Einkaufsland wird abgebremst durch zwei schwenkende Schrankenarme, die von allein aufgehen, wenn man denn in gemäßigtem Tempo sich den Dingern nähert.

Mein Mann hatte Schwung und schob mich mit gefühlten 20km/h vor die Schrankenarme, die mir vorschriftsmäßig vor die Beine knallten.

Mir rutschte heraus:
-“Mann, willst du mir die Beine auch noch amputieren?” bevor wir Beide losgackerten. Eine Frau, die mit ihrer vollen Einkaufstasche neben der Schranke stand, ließ ihre Tasche fallen und fast auch ihre Augäpfel. Der Unterkiefer erreichte gefährliche Tiefen……

Der eigentliche Einkauf:

Der Probelauf mit Einkaufswagen schlug dann fehl. Ich, mit Jolanthe unter dem Hintern, sollte den Einkaufswagen vor mir herschieben. Und mein Mann schob uns alle: Jolanthe, mich und den Einkaufswagen. Das sah ungefähr so aus wie ein Güterzug.

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Da mir aus meiner Posititon der nötige Weitblick fehlt, bin ich nach ungefähr 2 Metern der ersten Kundin vor mir in die Hacken gefahren, was diese mit einem bitterbösen Blick quittierte. So wurde das Einkaufswagenexperiment abgebrochen und ich stapelte unseren Einkauf auf meinem Schoß.

Der Einkaufsladen gibt die Nummer des Einkaufswagens beim Kassiervorgang in die Kasse ein, mir ist nicht ganz klar, warum. Als Statistik taugt das kaum, es gibt ja genügend Leute, die benutzen gar keinen Wagen. Aber gut, sie tippeln die Nummer halt in die Kasse ein.

Wir reihen uns in die Kassenschlange ein, ohne Einkaufswagen, aber mit Warenstapel auf meinem Schoß. Auf Höhe der Kassiererin bemerkt mein Mann:
-“Ob sie uns wohl abkassiert? Unser “Wagen” hat keine Nummer…..”

Wir sind fast in Tränen ausgebrochen vor Lachen. Mir tat sooo der Bauch weh!
Die Kassiererin hat stur an uns vorbeigeblickt, sichtlich pikiert, wie man denn solch einen Witz auf Kosten einer Behinderten machen kann. Auch die anderen Kunden hinter uns standen mit versteinerter Miene da.

Das ist uns zwar aufgefallen, hat uns aber nicht davon abgehalten, weiter zu gackern wie zwei Hühner auf Speed.

Absurdistan ist überall und die Fortsetzung folgt!

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