Die Bahn kommt

Irgendwie musste ich ja nach Mainz zum Shooting kommen, dieses Mal konnte mein lieber Mann mich nicht kutschieren.

Aber warum sollte ich mir Sorgen machen? Fahre ich doch einfach mit der Bahn!

Sonntag nachmittag losfahren und Dienstag abend zurück, was soll da schiefgehen? Es fahren täglich Tausende mit der Bahn und kommen auch an!

Beim Aussuchen und Buchen beschlich mich schon ein mulmiges Gefühl. Ich musste mindestens einmal umsteigen. Raus aus dem Zug, den nächsten Bahnsteig suchen, großen Koffer im Schlepptau, womöglich Zeitdruck! Fetter Kloß im Bauch.

Aber was solls. Bin ja erwachsen, kann mich durchfragen und meine Güte, es fahren ja soooo viele Leute Bahn und kommen unbeschadet an.

In Göttingen bin ich mit meinem Koffer eingestiegen, ohne Sitzplatzreservierung, warum auch? Es ist Sonntag, wer soll da schon den Zug verstopfen?

Von Göttingen nach Fulda ging es problemlos, der Zug war zwar recht voll, aber ich hatte ein Sitzplätzchen und alles schien gut zu gehen. Ich entspannte mich ein wenig.

In Fulda hieß es „umsteigen“! Auch da schien das Glück mir hold! Mein Anschlusszug kam auf dem gleichen Bahnsteig auf dem Nebengleis an! Also alles tutti. Was mache ich mir auch immer für einen Kopf?

Strahlender Sonnenschein in Fulda und ein Bahnsteig voller Menschen! Was war denn hier los? Die Durchsage aus dem Lautsprecher brachte Gewissheit: Was gut beginnt, muss nicht zwangsläufig gut enden! Alte Pfadfinderweisheit!

Mein Anschlusszug hatte 25 Minuten Verspätung, so weit, so schlecht, aber die Folge der weiteren Durchsage war mir ehrlich gesagt, nicht sofort ganz klar:

Am Zug fehlten sage und schreibe 8!!! Waggons!

Die Fahrgäste, die eigentlich diese 8 Waggons besetzen sollten, verteilten sich nun auf den Rest des Zuges. Sehr erbauliches Erlebnis!

Der Zug war schon proppevoll, als er in Fulda ankam. Was sich an Fahrgästen auf dem Bahnsteig befand, samt Kind, Kegel und Koffer, verteilte sich auf die restlichen Quadratmeter des Zuges. Selbstredend, dass aus Fulda zusteigend, NIemand mehr einen Sitzplatz bekam. Ich stieg ein mit meinem Kofferungetüm, kam noch zehn Schritte weit in den Wagen hinein und dann stand ich dort. Alle standen, in allen Wagen scheinbar, es ging keinen Schritt mehr vorwärts und auch nicht rückwärts. Die Dame, die vor mir stand mit ihrem Koffer zwischen den Beinen, hatte eine Sitzplatzreservierung für einen Wagen weiter. Das nutzte ihr ungefähr so viel, wie ein Bikini beim Schlitten fahren! Kein Durchkommen. Der einzige Vorteil der Nudeltopfenge: ich konnte beim besten Willen nicht umfallen, falls meine Beine den Dienst aufgaben. Aber ich hätte niemals die Behindertenkarte ausgespielt, um Jemanden vom Platz hochzuscheuchen. Das kann ich einfach nicht. Also stand ich, standen wir alle bis Frankfurt Flughafen. Über eine Stunde Stehparty im ICE.

Frankfurt Flughafen stiegen fast alle Fahrgäste aus. Offensichtlich stand ich in einem Zug mit lauter Fluggästen, die zum Flughafen wollten. War mir auch egal.

Endlich sitzen für die letzte halbe Stunde bis Mainz!

In Mainz endlich angekommen, bin ich mit meinem Koffer zum Hinterausgang gelaufen, in der Hoffnung, dass es da nicht so voll sein wird. Der Bahnhof war voll, laut und hektisch. In meinem Kopf sauste alles durcheinander, Stimmen, Farben, Leute, die an mir vorbeihetzen.

Hinterausgang Bahnhof Mainz: Regen, Autos, die hupen, und einen Parkplatz suchen, weit und breit kein Taxi, obwohl im Bahnhof ein Hinweisschild darauf vorhanden war.

Die erste kleine verdammte Hektikträne machte sich auf den Weg….

Nein, nein, so schnell nicht!

Zurück mit Kofferungetüm zum Haupteingang, dort raus, dieselbe Hektik überall. Aber endlich ein Taxi!

Ich war im Hotel!

Die Rückfahrt fand am Dienstag statt, kein Problem, da sind die Züge ja leer! Pfft, ich verlasse mich wohl noch auf irgendwelche Aussagen!! Neee!

Sitzplatzkarte gekauft!

Von Mainz bis Fulda war keine nötig, weil der Zug ganz frisch eingesetzt war, und ich kam auch ganz entspannt bis dorthin. In Fulda würde ich 40 Minuten Aufenthalt haben, das wusste ich schon, was ich aber nicht wusste, dass Fulda so einen grottigen Bahnhof hat! Es war inzwischen nach 21 Uhr, es war dunkel, windig und kalt. Der Bahnhof ist recht klein, eng und irgendwie unbelebt. Kein Sicherheitspersonal, Niemand, der ein wenig Sicherheit vermittelte. Zu allem Überfluss kamen einige Jugendliche mit Bierdosen in den Bahnhof. Ich verzog mich auf den Bahnsteig. Dort informierte mich, ja mich, ich war ganz allein auf dem Bahnsteig, eine fröhliche Lautsprecherstimme, dass mein Zug obendrauf nochmal 23 Minuten Verspätung haben würde.

Mist, ich saß hier im dunklen NIrgendwo fest auf einem scheißkalten einsamen Bahnsteig. Güterzüge rauschten vorbei, Wind fegte um jede Ecke, ich habe mich schrecklich gegruselt.

Endlich gesellte sich ein älterer Mann zu mir, ich hatte mich in einen Windfang gerettet, auf den Knien einen Krimi, den ich mir eben noch im Buchladen gekauft hatte. Jetzt waren wir zu zweit allein.

Die Lautsprecherdurchsagentante stifetete Komplettverwirrung, indem sie Züge ansagte, die auf allen möglichen Bahnsteigen halten würden. Es hatte durch die Verspätungen ein Durcheinander gegeben. Zug A hält nicht auf Bahnsteig C, Zug B hält nicht auf Bahnsteig D, sondern umgekehrt und Zug A hält wohl auch noch irgendwo.

Welches war jetzt mein Zug? Zug A, Bahnsteig D?????

Panik. Es geht auf 22 Uhr zu, ich sitze in Fulda und weiß nicht, wo mein Zug hält! Wenn er denn jemals hier ankommt! Kein Bahnmensch zu sehen, nur die fröhliche Tante vom Lautsprecher.

Ein Zug fährt ein. Ein ICE, der nach Berlin will. Ich schnappe meinen Koffer, renne zu der rot behüteten Dame, die Schilderschwenkend am Zug steht. Meine bange Frage:

-„Hält der Zug in Göttingen?“

-“ Ja klar hält der Zug in Göttingen?“

-„Wirklich?????“
Sie sieht mich von oben bis  unten an, ich kann ihre Verachtung richtig spüren. Mit eisiger Stimme teilt sie mir mit, dass sie hier schon ein wenig länger die Schilder schwenkt und ganz genau weiß, welcher Zug wo hält.

Mir ist ihre Laune egal, ich hüpfe in den Zug.
Der Zug war voll. Meine Sitzplatzreservierung war ja nun zum Teufel. weil ich ja im falschen Zug saß! Ich ließ mich ohne Rücksicht auf Verluste auf den einzigen freien Sitzplatz fallen. Es war ein Vierersitzplatz mit einem Tisch in der Mitte. Die Familie, die dort saß, sah mich etwas erstaunt an. Ich sagte nichts und glotzte nur zurück. Die hatten ja nicht eine Stunde lang im finsteren Fulda gesessen.MIch konnte nichts mehr schocken!

Um 23 Uhr kam ich endlich in Göttingen an. Ein großer heller freundlicher Bahnhof, trotz der späten Stunde! Mein lieber Mann hat mich abgeholt, er war bestens über meine Odyssee informiert, dank WhattsApp. Es gab keine Fragen und ich wollte auch auf nichts mehr antworten.

Ich bin zu einer Erkenntnis gelangt: ich fahre lieber Auto….

UND:

Ich will nie mehr nach Fulda!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.