Krankenkassenlogik

folgt eigenen Gesetzen.

Das ist zumindest meine Erfahrung.

Das Snusel geriet ins Überlegen, welche Art der Fortbewegung denn nun am MS-tauglichsten und am kompatibelsten mit den Wackel-Dackel-Beinen ist.

Im großen weiten I-Net bin ich dann auf Dreiräder für Erwachsene gestoßen.  Die Begeisterung war sofort groß. Keine Sekunde dachte ich darüber nach, ob es vielleicht total blöde aussieht, wenn ich mit einem Dreirad irgendwo aufkreuze. Schließlich sieht es noch blöder aus, wenn ich wie ein leckgeschlagener Bananendampfer durch die Landschaft schwanke.

Am Preis der Räder habe ich mich gar nicht aufgehalten, weil ich der irrigen Annahme war, Prävention wird von der Krankenkasse mit einem Zuschuss belohnt.

So machten sich Snusel und Snusels Ehegespons auf ins recht ferne Gera ins Fachgeschäft für Dreiräder für Erwachsene.

Ich bin stundenlang probegefahren, der Verkäufer hat nicht eine Sekunde die Nerven verloren, im Gegenteil, er hat mich ermutigt, nochmal und nochmal hügelauf- und abwärts zu fahren.  Das Gefährt meiner Begierde hat einen Elektroantrieb, der auch nötig ist, da wir im heimischen Harzer Vorland mit allerlei landschaftlichen Aufs und Abs gesegnet sind. Ich wollte das schöne Teil sofort mitnehmen, aber der Verkäufer hatte wohl schon einschlägige Erfahrungen mit Krankenkassen.  Er riet mir zum Präventivschlag: Erst nach einem Zuschuss fragen – dann Dreirad anschaffen.  Schließlich liegen  die Schätzchen preislich weit jenseits der 2000-Euro-Grenze. smiley_emoticons_dreirad_3

Gesagt, getan. Kaum zu Hause angekommen, habe ich sofort “meine” Krankenkasse angerufen.

Ich erklärte der Dame am Telefon mein Anliegen, worauf sie mich mit einem Kollegen verband, der mich weiterverband, der mich weiterverband …. und so weiter. Und immer wieder erklärte ich mein Anliegen.
Ich hatte meinen Vers bereits so verinnerlicht, dass ich problemlos ohne Spickzettel in einem Werbefilm für Dreiräder mitspielen konnte.

Endlich gab es in den unendlichen Weiten des Krankenkassenuniversiums Jemanden, der sich zuständig fühlte.

-“Nö, da bezuschussen wir nichts. Ein Fahrrad ist ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs und kein Hilfsmittel für Behinderte.”

Nun, das war ja ein Ding!

Natürlich ist ein Fahrrad ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs! Und erst recht, wenn es drei Räder für so Wackel-Dackel-Kandidaten wie mich hat! Ich erklärte der Dame am Telefon, dass dieser alltagstaugliche Gegenstand dafür sorgt, dass ich sehr viel selbständiger und mobiler bin. Vom Erhalt meiner Beweglichkeit, meiner Kondition und vom Trainingseffekt mal ganz abgesehen.

Die Antwort, die ich erhielt, ließ mich sprachlos zurück:

-“Wenn Sie einen Elektrorollstuhl beantragen, den kann ich Ihnen sofort genehmigen, damit sind Sie ja auch wieder mobiler. Aber ein Fahrrad…..nein….”

Der preiswerteste Elektrorollstuhl kostet das Dreifache meines Dreirades. Jemand der auf den Elektrorollstuhl angewiesen ist, verursacht in der Regel schnell hohe Folgekosten, wie Pflegestufe, intensive Krankengymnastik, Essen auf Rädern und so unlustige Dinge.

Nun will ich die geneigte Leserschaft nicht langweilen, aber ich habe nach langem Kampf, einem Rechtsanwalt, etlichen Telefonaten und dem Schlichtungsausschuss der Krankenkasse einen Zuschuss für mein Rad bekommen. Ein Drittel hat die Kasse bezahlt, zwei Drittel musste die snuselsche Haushaltskasse berappen.

Inzwischen bin ich 1500km gefahren mit meinem Rad. Neurologe und Physio loben meine Kondition und überhaupt meinen guten Gesundheitszustand.

Ich verursache im Moment keine nennenswerten Kosten.

Ob das im Elektrorollstuhl auch so gewesen wäre????

Tue dieses, lasse jenes

Nachdem klar war, was in meinem Kopf schief gewickelt war und noch immer ist, fühlten sich alle möglichen Leute berufen, mir zu sagen, was ich nun tun oder eben lassen soll.

Das nahm zum Teil wirklich komische Züge an. Wo der Eine unbedingt für eine Therapie plädierte, kreuzigte der Andere genau das. Wo ich einerseits unbedingt am Ball bleiben sollte, sollte ich genau dieses andererseits unbedingt vermeiden.

Das ging hin und her wie beim Tennis. Mittendrin das Snusel mit Vorteil für die MS.

Ich habe dann begonnen, zu sortieren, was mir so über den Weg lief. Das einzig wirklich hilfreiche Statement kam bei meinem zweiten Krankenhausaufenthalt von der Sozialtante, die wörtlich zu mir gesagt hat:

“Sie müssen sehen, was Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen wollen.”

Ich war komplett beleidigt und bockig. Welcher Rest des Lebens?

Aber sie hatte recht. Die Antwort lag bei mir und bei Niemandem sonst.

Und so habe ich meine Konsequenzen gezogen. Ich habe einen Rentenantrag gestellt, weil ich den Anforderungen im Beruf nicht mehr gewachsen bin. Wenn ich etwas tue, dann will ich auch gut sein. Und das bin ich im Job nicht mehr.

Ich habe wieder begonnen zu stricken, zu häkeln. Das Färben und Spinnen der Wolle  am Spinnrad hatte etwas Folgerichtiges.

Die gesamte Therapiepalette ist bei der PPMS ohnehin recht kurz, aber hier habe ich auch auf meinen Wackeldackelkopf gehört und hab Therapie Therapie sein lassen.

Das schwierigste Kapitel war dann Jolanthe. Heute ist sie nicht meine beste Freundin, eher meine Kumpanin, aber zu Beginn hätte ich sie am liebsten erschossen, wenn sie denn erschießbar gewesen wäre. Jolanthe ist orange und schwarz, immer zur Stelle, nebenbei ist sie verwandt mit der ollen Tante MS (oder sie bekommt Provision von ihr) und sie wird von der Krankenkasse bezahlt. Jolanthe ist mein Rollstuhl. Nein, es gibt kein Foto.  Gibt keins, gab keins, wird auch keins geben.

Vorerst.

Sie ermöglicht es uns, wieder ausgedehnte Einkaufsbummel zu machen, durch New York zu schlendern (im Ernst, da waren wir letzten Herbst!) oder einfach nur keine Angst mehr vor längeren Fußwegen zu haben. Von daher ist sie schon ok, die Jolanthe.

Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich das Gegenteil von dem mache, was mir geraten wird (besonders von Ärzten). Aber es ist schon so, dass ich zuerst mich selber frage, was ich dazu sage.