Tue dieses, lasse jenes

Nachdem klar war, was in meinem Kopf schief gewickelt war und noch immer ist, fühlten sich alle möglichen Leute berufen, mir zu sagen, was ich nun tun oder eben lassen soll.

Das nahm zum Teil wirklich komische Züge an. Wo der Eine unbedingt für eine Therapie plädierte, kreuzigte der Andere genau das. Wo ich einerseits unbedingt am Ball bleiben sollte, sollte ich genau dieses andererseits unbedingt vermeiden.

Das ging hin und her wie beim Tennis. Mittendrin das Snusel mit Vorteil für die MS.

Ich habe dann begonnen, zu sortieren, was mir so über den Weg lief. Das einzig wirklich hilfreiche Statement kam bei meinem zweiten Krankenhausaufenthalt von der Sozialtante, die wörtlich zu mir gesagt hat:

“Sie müssen sehen, was Sie mit dem Rest Ihres Lebens anfangen wollen.”

Ich war komplett beleidigt und bockig. Welcher Rest des Lebens?

Aber sie hatte recht. Die Antwort lag bei mir und bei Niemandem sonst.

Und so habe ich meine Konsequenzen gezogen. Ich habe einen Rentenantrag gestellt, weil ich den Anforderungen im Beruf nicht mehr gewachsen bin. Wenn ich etwas tue, dann will ich auch gut sein. Und das bin ich im Job nicht mehr.

Ich habe wieder begonnen zu stricken, zu häkeln. Das Färben und Spinnen der Wolle  am Spinnrad hatte etwas Folgerichtiges.

Die gesamte Therapiepalette ist bei der PPMS ohnehin recht kurz, aber hier habe ich auch auf meinen Wackeldackelkopf gehört und hab Therapie Therapie sein lassen.

Das schwierigste Kapitel war dann Jolanthe. Heute ist sie nicht meine beste Freundin, eher meine Kumpanin, aber zu Beginn hätte ich sie am liebsten erschossen, wenn sie denn erschießbar gewesen wäre. Jolanthe ist orange und schwarz, immer zur Stelle, nebenbei ist sie verwandt mit der ollen Tante MS (oder sie bekommt Provision von ihr) und sie wird von der Krankenkasse bezahlt. Jolanthe ist mein Rollstuhl. Nein, es gibt kein Foto.  Gibt keins, gab keins, wird auch keins geben.

Vorerst.

Sie ermöglicht es uns, wieder ausgedehnte Einkaufsbummel zu machen, durch New York zu schlendern (im Ernst, da waren wir letzten Herbst!) oder einfach nur keine Angst mehr vor längeren Fußwegen zu haben. Von daher ist sie schon ok, die Jolanthe.

Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich das Gegenteil von dem mache, was mir geraten wird (besonders von Ärzten). Aber es ist schon so, dass ich zuerst mich selber frage, was ich dazu sage.