…hört oft die eigene Schand!

Ich lausche nicht, mich interessiert es einfach nicht besonders, was andere Leute zu bequatschen haben. Ist eh meist langweiliges Zeug.

Wenn allerdings das Wort “Behinderte” in Gesprächen vorkommt, bekomme ich Rhababerblatt-Ohren. Da stelle ich meine Lauscher auf.

Neulich im Supermarkt tätigt eine Frau im Elektro-Rolli ihren Einkauf. Sie steht ein bißchen im Weg, so dass man sich zwischen Regal und Rolli vorbeizwängen muss, wenn man denn unbedingt vorbei will und nicht warten kann.

Zwei etwa fünfzehnjährige Mädchen können nicht warten. Ohne Einkaufswagen, aber mit mehreren Kleinigkeiten in der Hand drängeln die Zwei sich an der Dame im Rollstuhl vorbei.

  • ” Oh Mann, was steht der Spast da im Weg?” nölt die Eine. Sie nölt zwar leise, aber doch unüberhörbar.

Das andere Mädel schweigt lieber, weil sie sieht, dass einige Umstehende gehört haben, was ihre Begleiterin gesagt hat.

Böse Blicke, Kopfgeschüttel allenthalben.

Man ist sich einig, das gehört sich nicht. Wie kann man sowas sagen?

Ich stehe zu weit weg, sonst hätte ich dem Mädel, das sich über den Rollstuhl und den darin befindlichen “Spast” beschwert hat, verbal das Fell über die Ohren gezogen.

Die Mädchen sind flugs vorbei und in den Regalreihen verschwunden. Aber die umstehenden Leute fangen an, sich darüber zu unterhalte, was das Mädel gesagt hat.

Sie empören sich leise, sie flüstern miteinander, damit……..genau wer denn??    sie nicht hört?

Warum flüstern sie? Die Dame im Rollstuhl musste sich schon den Spruch des Mädels an den Kopf knallen lassen und nun noch die flüsternde Menge obendrauf.

Sie hat gehört, was das Mädchen gesagt hat und sie hört, dass die Leute nun flüstern und sie anschauen.

Es gibt Stimmen, die sich empören über die Frechheit des Mädchens, es gibt Stimmen, die meinen, mit einem Rollstuhl müsse man aber auch nicht so doof im Weg stehen. Behinderte würden immer Sonderrechte einfordern. Das ginge so ja auch nicht.

Wieder eine Andere meint, man könne ja wohl einen Moment warten, es wäre ja auch nichts anderes, wenn ein “normaler” Kunde mit seinem Einkaufswagen dort stehen würde.

So geht das eine Weile hin und her.

Mit ihr direkt spricht Niemand. Sie setzt ungerührt ihren Einkauf fort. Was geht in ihr vor?

Ich stehe am Rande, beobachte und lausche. Mir wird heiß und kalt. Hat man das wirklich immer wieder auszuhalten, wenn man im Rollstuhl sitzt? Mir ist das noch nicht passiert, aber ich bin noch nie allein mit Rollstuhl unterwegs gewesen.

Es ist im Prinzip egal, ob wohlwollend oder eben nicht wohlwollend über sie gesprochen wird. Es wird über sie gesprochen, aber nicht mit ihr!

Ich denke nicht, dass es ein spezielles Behindertenproblem ist, aber da wird einem die eigene Schieflage vor Augen geführt.

Offensichtlicher behindert als in einem Rollstuhl kann Mensch kaum sein. Dann noch dieses zwar durchaus menschliche, aber klägliche Verhalten der lieben Mitmenschen.

Sie hätten das freche Mädel zur Rede stellen können oder sie können einfach schweigen.

Sie hätten aber auch mit der Frau im Rollstuhl reden können, statt über sie.

Es ist doch so einfach!

Heute mag ich meine Jolanthe gar nicht leiden…..

 

 

Der Lauscher an der Wand….

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