Die zwei Seiten der Wahrheit

Sie sind allgegenwärtig, wenn man sich mit dem Thema Multiple Sklerose beschäftigt.

Die Durchhalteparolen
Die “wir schaffen das”
Die “wir lassen uns nicht unterkriegen”
Die “wir pfeifen der MS was”

Das stimmt-

aber nur zum Teil.

Es ist nur die halbe Wahrheit. Ich laufe ein paar Jahre mit der ollen Tante MS herum. Ich bekomme keine Medikamente, weil es so gut wie nichts gibt gegen den Primär Progredienten Verlauf. Das ist auch nicht schlecht, so habe ich wenigstens nicht mit deren Nebenwirkungen zu kämpfen.

Aber da ist ein anderes Gesicht der Krankheit.

Eine Krankheit wie MS frisst dich von innen auf, zunächst nicht sichtbar für den Betrachter von außen, nicht sichtbar für den Betroffenen selbst. Aber es tut es. Unaufhörlich.

Es isst, mampft, verdrückt jeden Tag ein Stück von dir selbst, bis nichts mehr von dir übrig ist.

Es gibt irgendwann nur noch das, was die MS zulässt, was sie am Leben lässt, was ihr genehm ist.

Das, was deine Persönlichkeit ausgemacht hat, verschwindet immer mehr, du wirst immer mehr zu einem Wesen, das es eigentlich nicht gibt, das es nicht geben dürfte. Fast alle deine Eigenschaften, dein Charakter, dein Wesen verändern sich.

Meine Geduld ist dahin, ich platze bei der geringsten Kleinigkeit.
Ich kann kein neues Buch mehr lesen, das ein wenig anspruchsvoll ist, da ich auf Seite 7 nicht mehr weiß, was auf Seite 3 passiert ist und wo die ganzen Personen herkommen oder hinwollen.
Ich kann Gesprächen nicht mehr folgen, ich muss mittags schlafen, damit ich nicht abends um acht ins Bett gehen muss.
Alles, was ich mir vornehme, kann ich nur noch zum Teil umsetzen, weil mir die Kraft fehlt.
Das ließe sich beliebig fortsetzen.

Das Schlimmste von allem: es besetzt meine Seele. Es ist dunkel geworden, da wo sonst immer eigentlich die Sonne schien.
Wir haben als Familie alles geschafft:
Ich habe eine Alkoholiker-Herkunftsfamilie und habe einen Alkoholiker geheiratet, ich habe mich getrennt und mich allein mit zwei kleinen Kindern durchgeschlagen. Den Selbstmord meines Lebensgefährten ein paar Jahre später habe ich auch geschafft.
Den Missbrauch meines Kindes habe ich auch irgendwie weggesteckt und auch den Tod der Freundin meiner Tochter mit 15 Jahren. Auch den abgebrochenen Kontakt zu meiner Herkunftsfamilie und zur Familie meines jetzigen Mannes habe ich weggesteckt. Dass unsere Nachbarn uns seit Jahren das Leben schwermachen, schaffe ich inzwischen zu ignorieren. Der Tod meiner geliebten Hündin hat mir jedoch dann doch  den Rest gegeben.

Irgendwie ist es nun aufgebraucht, es ist nichts mehr da, das meine Sonne erhellt, oder das mir hilft, fröhlich zu bleiben bei allen Defiziten. So fühlt es sich an. Da, wo immer Sonne war, ist es dunkel geworden, ruhig.

Warum schreibe ich das hier?

Weil es dazugehört zur Wahrheit über eine solche Krankheit, die in ein Leben bricht, das wie bei vielen Anderen auch, schon genug Einträge hinterlassen hat.

Immer wenn ich richtig traurig bin….

…stelle ich alles auf Neuanfang.

Der Tod meines Hundes hat mich völlig aus der Bahn geworfen.

Wir haben Lotti, unser Bordercolliemädchen, sie wird sechs Monate alt und macht uns viel Spaß und Freude.

Sie ist kein Ersatzhund. Das wäre falsch und unfair ihr gegenüber. Sie ist ein völlig anderes Wesen mit anderem Charakter, anderen Vorlieben, Abneigungen und ebenso anderen Spleens und Neigungen.

Ich liebe sie sehr.

Aber mein Boxermädchen Ozeana fehlt mir. Sie ist unersetzlich. Es schmerzt schrecklich und das Loch in meiner Brust will nicht heilen.

Ich gebe mir alle Mühe, jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Lotti fordert mich jeden Tag von morgens bis abends. Aber es geht nur langsam. Der Gang in den Garten, in dem Ozeanas Grab liegt, ist mir nicht möglich. Es raubt mir buchstäblich den Atem.

Ich neige dazu, in Ausnahmesituationen alles über den Haufen zu werfen, neu zu denken, neu anzufangen.

Adieu Snuselland-Wolle

Ich habe heute die Domain gekündigt. Im Mai ist Schluss damit. Wir hadern schon ein ganzes Jahr damit. Die Billigangebote der Discounter machen uns schwer zu schaffen. Handgemachte Wolle ist nicht gefragt, so ist unsere Erfahrung. Wir hören immer wieder, wie schön die Farben sind, wie gut es sich anfühlt, aber da ist der Preis….

Wir kalkulieren nicht einmal Arbeitszeit, die wir zum Spinnen und verarbeiten benötigen,  nur die Materialkosten. Und trotzdem kaufen die Kunden lieber billig beim Discounter.

Ok, dann ist es so.

Immer wenn ich richtig traurig bin…..

….dann ist es Zeit für etwas Neues.

Was es sein wird? Ich werde es euch wissen lassen. Es wird dann auch wieder einen Shop geben. Tolle neue Dinge stehen in den Startlöchern oder simseln noch in meinem Kopf herum.